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Überblick
Seit jeher war die Geschichte der Türkei auch Teil der Historie Europas. In Kleinasien wurde der Ackerbau
entwickelt. Die Hethiter, Phrygier und Lyder befruchteten die Kultur der Griechen, die um 1100 v. Chr.
mit der Besiedlung der kleinasiatischen West- und Südküste begannen. 333 besiegte Alexander der Große in
der Schlacht bei Issos den Perserkönig Dareios III. und vertrieb ihn in der Folge aus Kleinasien.
Spätestens mit der Erbschaft Pergamons 133 v. Chr. etablierten sich die Römer im Lande.
330 n. Chr. machte Konstantin I. das alte Byzanz zur Hauptstadt des Römischen Reiches.
Über ein Millenium beherrschte die glanzvolle Metropole den östlichen Mittelmeerraum.
Übertroffen wurde Byzanz noch vom Osmanischen Reich, das seine Blütezeit unter
Sultan Süleimann dem Prächtigen (1520 - 1566) erlebte: Dem Expansionsdrang dieses Reiches
waren bis Ende des 17. Jahrhunderts
keine Grenzen gesetzt. Von Algerien über Ägypten einschließlich Teilen der Arabischen Halbinsel,
vom Persischen Golf über die Krim, Griechenland, den Balkan und Ungarn herrschten die Osmanen.
Der Niedergang setzte nach der zweiten, wiederum erfolglosen Belagerung Wiens 1683 ein.
Während des Ersten Weltkrieges, 1915, deportierten Türken Armenier in die mesopotamische Wüste und
brachten etwa eine Million Menschen um, was noch heute von der türkischen Regierung abgestritten wird.
Das Osmanische Reich endete praktisch 1918.
Ein Jahr später wurde die Republik gegründet. Ihr erster Präsident Mustafa Kemal Pascha,
als Kemal Atatürk ("Vater der Türken") schon zu Lebzeiten Legende, formte die
rückständige Türkei zu einem modernen, westlich orientierten Staat. Er verfügte strikte Trennung von
Staat und Religion, setzte das Wahlrecht für Frauen, die Einehe sowie die lateinische Schrift durch
und verbot den Fes, die traditionelle Kopfbedeckung. Atatürk starb 1938, das Militär verstand sich
fortan als Hüter seines Erbes.
Nach Ende des 2. Weltkrieges — die Türkei war neutral, ehe sie am 23. Februar 1945 Deutschland
den Krieg erklärte — putschten die kemalistischen Gralshüter dreimal gegen demokratische
Regierungen. 1960 stürzten Militärs Ministerpräsident Adnan Menderes und ließen ihn 1961 hinrichten.
Nach blutigen Unruhen und Terrorakten zwangen sie Premier Süleyman Demirel 1971 zum Rücktritt und
übernahmen schließlich 1980 angesichts einer Woge des Terrorismus abermals die Macht, lösten, wie schon
20 Jahre zuvor, das Parlament auf und riefen das Kriegsrecht aus. Das von 1980 bis 1983 errichtete
Militärregime währte länger als alle anderen Eingriffe der Generalität in die Politik.
Anfang der 60er Jahre begann die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte für das Wirtschaftswunderland
Deutschland. Die Gastarbeiter, meist aus dem armen Anatolien, kamen zu Hunderttausenden. Außerhalb der
Türkei leben heute in keinem anderen Land so viele Türken wie in Deutschland; ihr Status verbesserte
sich durch das Assoziierungsabkommen der Türkei mit der EWG von 1963.
Lange Phasen politischer und wirtschaftlicher Kontinuität hat es nicht gegeben. 1982 wurde eine neue
restriktivere Verfassung verabschiedet. Staatschef General Kenan Evren verfügte ein Berufsverbot gegen
die zivilen Politiker (1987 aufgehoben). Die kurdische Minderheit wurde mit zunehmender Brutalität
verfolgt. Menschenrechtsverletzungen häuften sich, Oppositionelle wurden inhaftiert und häufig
gefoltert. Ab 1981 ließ die EG auch aus diesen Gründen die Assoziation für mehrere Jahre ruhen.
Einen Antrag auf Vollmitgliedschaft, 1987 gestellt, lehnte der EG-Ministerrat 1989 vorläufig ab. Auch
Tansu Ciller, erste Frau an der Regierungsspitze (1993 - 1995), Amtsnachfolgerin von Süleyman Demirel,
konnte trotz intensives Bemühen und selbstbewußtes Auftreten die Europäer nicht davon überzeugen, daß
die Türkei reif für die Aufnahme in der EU sei. Die Politikerin scheiterte letztlich an den instabilen
Machtverhältnissen und ihrem Unvermögen, tiefgreifende Wirtschaftsreformen in Gang zu setzen.
Nutznießer war die islamistische Wohlfahrtspartei, die 1995 bei den Parlamentswahlen die meisten Stimmen
bekam. Ihr Führer, Necmettin Erbakan, trat 1997, nach nur knapp einem Jahr Amtszeit als
Ministerpräsident unter dem Druck des Militär zurück. Die hatten sich vom Verfassungsgericht bestätigen
lassen, daß die Ziele der Wohlfahrtspartei unvereinbar mit der laizistischen Verfassung seien.
Die Partei wurde verboten. Mit Erbakan verschwand Tansu Ciller aus der ersten Reihe der Politik; sie muß
sich gegen den Vorwurf der persönlichen Bereicherung wehren. Der Chef der Mutterlandspartei und Protegé
der Militärs, Mesut Yilmaz, seit Juni 1997 neuer Premier, agiert bisher weitgehend erfolglos.
Die Beziehungen zu EU stecken in einer tiefen Krise. Weil die EU auf ihrem Gipfeltreffen im Dezember
1997 eine konkrete Beitrittsperspektive für die Türkei ablehnte, machte Yilmaz seinen Ärger in
persönlichen Attacken gegen den damaligen deutschen Bundeskanzler, Helmut Kohl, Luft, indem er dessen
Politik mit Hitlers aggressiver Lebensraumideologie verglich.
Im Bürgerkrieg mit den Freischärlern der PKK, der bisher ca. 25.000 Tote innerhalb von 14 Jahren
gefordert hat, konnte die Türkei in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Führer der PKK, Öcsalan, festsetzen
und zum Tode verurteilen. Seit 1999 ist Bülent Ecevit Ministerpräsident. Das türkische Parlament und
Staatspräsident Süleyman Demirel billigten am 28.8.1999 ein Amnestiegesetz, das über 26 500 Häftlingen
des Landes Straffreiheit gewährt. Nach Angaben von Justizminister Hikmet Sami Türk sollen
26.538 Gefangene innerhalb von 20 Tagen freigelassen werden. Die Amnestie gilt dem Gesetz zufolge vor
allem für Häftlinge, die zu Strafen von weniger als zwölf Jahren verurteilt wurden, sowie für sämtliche
jugendlichen Straftäter. Wegen Terrorismus oder Hochverrats Inhaftierte wie der Chef der Kurdischen
Arbeiterpartei (PKK), Abdullah Öcalan, und alle nach dem 23.4.1999 verurteilten Täter wurden von der
Straffreiheit ausgenommen. Wegen Vergewaltigung, Korruption und verbrecherischer Brandrodung Verurteilten
soll ebenfalls keine Amnestie gewährt werden. In den überfüllten türkischen Strafanstalten sitzen rund
69.000 Gefangene.
Der oberste türkische Verfassungsrichter Ahmet Necdet Sezer ist am 05. Mai 2000 zum neuen Staatschef
gewählt worden. Im Parlament von Ankara bekam der 59-jährige Jurist im dritten Wahlgang die Mehrheit.
Sezer tritt damit die Nachfolge des derzeitigen Präsidenten Süleyman Demirel an, dessen Amtszeit
am 16. Mai ausläuft. Am selben Tag soll Sezer vereidigt werden.
Anfang April hat das Parlament eine Verfassungsänderung abgelehnt, die dem scheidenden Präsidenten eine
zweite Amtszeit ermöglichen sollte.
Das türkische Parlament hat am 23.11.2001 ein Gesetzespaket zur rechtlichen Gleichstellung von Frauen
und Männern in Ehe und Familie verabschiedet. Als eine der bedeutendsten Änderungen wurde die
Bestimmung gestrichen, dass der Mann "das Oberhaupt der ehelichen Gemeinschaft" sei.
Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hat dem bewaffneten Kampf für einen kurdischen Staat abgeschworen
und sich gleichzeitig einen neuen Namen gegeben. Der "Kongress für Freiheit und Demokratie Kurdistans"
(Kadek) strebe Veränderungen nur noch auf demokratischem Wege an, "im Glauben, dass Gewalt für die
demokratische Lösung der Probleme nicht dienlich ist", teilte die Organisation am 16.04.2002 in Brüssel
mit. Zum Kadek-Vorsitzenden habe ein PKK-Parteikongress den in der Türkei inhaftierten und dort zum
Tode verurteilten Abdullah Öcalan gewählt. Der Kadek will nach eigenen Angaben
"in allen Teilen Kurdistans Parteien und Organisationen, die auf eine demokratische Lösung abzielen,
an die Macht verhelfen". Der türkische Außenminister Ismail Cem sagte, Ankara werde seine Haltung zur
PKK auch nach der Umbenennung nicht ändern.
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